Geschichte und Tradition

Allgemeines zum Schützenwesen in Wangen im Allgäu

Die Schützengesellschaften entstanden im Spätmittelalter. Sie wurden vom Rat der Städte gefördert, weil sie die wehrfähigen Männer im Gebrauch der Schusswaffe (des Bogens und der Armbrust, später dann des Feuerrohres) übten und dadurch den Wehrwillen der Bürger stärkten. Dem frommen Geist des Mittelalters entsprechend waren die Schützengesellschaften vielfach Bruderschaften angeschlossen, die meist den Hl. Sebastian verehrten. Dieser römische Märtyrer der diokletianischen Zeit , Hauptmann der Prätorianer Garde, wurde nach der Legende von mauretanischen Schützen mit Pfeilen durchbohrt, weil er sich weigerte , seinem christlichen Glauben abzuschwören. Er wird in der christlichen Kunst gewöhnlich als schöner Jüngling, nur mit einem Lendenschurz gegürtet, an einem Baum oder Pfahl gebunden, von Pfeilen durchbohrt dargestellt.

 

Die Bruderschaft St. Sebastian in Wangen

Die Bruderscahft St.Sebastianns und der Schützen, wie der älteste Name lautetet, entstand in Wangen wohl um die Mitte des 15. Jahrhunderts. Die älteste Urkundeen stammen aus dem Jahren 1480 und 1487(Streng genommen müsste die Jahreszahl der heutigen Schützengilde von 1487 in 1480 grundsätzlich geändert werden, da die erste Nennung 7 Jahre früher liegt), zum Glück wurde diese Maßnahme nie verwirklicht den mittlerweile ist ein neues Dokument im Staatsarchiv in Stuttgart aufgetaucht das eine Erwähnung auf das Jahr 1467 datiert. Das Wort „Gilde“ war in Süddeutschland nicht üblich und wurde erst um 1900 bei uns eingeführt.

Wenn aber genau unsere Schützengilde entstand, kann nicht mehr festgestellt werden. Nach einer Urkunde vom 20. Januar 1500 wussten das zu Beginn des 16 Jahrhunderts nicht einmal mehr die Zeitgenossen, denn in dieser Urkunde heißt es, dass Sie „vor vielen Jahren“ gegründet worden sei.

Mit der fortschreitenden Säkularisierung des Lebens lockerte sich allmählich der Zusammenhang zwischen der religiösen Bruderschaft und den Schützengesellschaft. Es blieb nur noch die gemeinsame Feier des Tages des Schutzpatrons am 20 Januar, aber auch dieses fiel später weg. Die Gesellschaft wandelte sich in einen Sportverein, der außer der Durchführung seiner eigentlichen Aufgabe auch glanzvolle Feste gab.

In Vielen Städten haben sich diese Schützenfeste als Volksfeste bis heute erhalten. Die Sebastians Bruderschaft hatte ein eigenes, wenn auch nicht großes Vermögen, das hauptsächlich von Mittelalterlichen Stiftungen „um des Seelen willen“ herrührte. Es wurde von zwei Pflegern verwalten, die Jährlich abrechnen mussten. Die Erträge aus diesem vermögen , da fast ausschließlich aus Zinsen und Gülten bestand, dienste verschiedenen Zwecken. Größere Ausgaben wurden am Bruderschaftstag (20. Januar) gemacht, an dem für das Seelenheil der verstorbenen Mitglieder gebetet wurde. Alle „Herren Brüder und Frauen Schwestern“ bekamen eine Kanne Wein und Brot ins haus geschickt. Auch wurden die Mitwirkenden an der kirchlichen Feier beschenkt. Darunter waren auch die Patenmisten (Chorknaben). Einer dieser Chorknaben war im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts der später berühmte Maler Joseph Anton von Gegenbauer, der in dankbarer Erinnerung an diese Gabe das bekannte Bild des Patron der Schützen für den St. Sebastians Altar in der Martinskirche in Wangen schuf ( 1820). Die Erträge der Bruderschaft betrugen im Jahre 1751 etwas mehr als 1132 Gulden (das würde heute einem Wert von ca. 150000 Euro entsprechen). Da sie durch die Zwecke der religiösen Vereinigung , die damals auch Frauen aufnahm, nicht aufgebraucht werden konnten, verwendete der Magistrat der Stadt in großzügiger Weise für andere Aufgaben, abgesehen davon das er sich gelegentlich Geld selber auslieh. So erhielten zum Beispiel die Städtischen Lehrer eine geringe Aufbesserung ihres schmalen Gehaltes durch die Gabe der Bruderschaft. Ein Beispiel: 1823 bekamen die Magister Franz Xaver Bucher und der Knabenlehrer Franz Joseph Oßwald 7 Gulden und 30 Kreuzer bzw. 4 Gulden und 50 Kreuzer als Zugabe zu Ihrer Besoldung. Die Bruderschaft lieh auch Geld aus übte also Teilfunktion einer heutigen Bank aus. Im 19. Jahrhundert verlor sie ihre Eigenständigkeit. Sie wurde nach der Schulden Regelung mit der Kirchenpflege vereint, die auch alle früheren Kapellen und Bruderschaftspflegen in sich vereinte und verwaltete.

 

Die Schützengesellschaft Wangen

Nach den Satzungen standen zwei Schützenmeister an der Spitze der Gesellschaft. Sie wurden jährlich vor dem ersten Schiessen von den Schützen gewählt oder neu bestätigt. Die Wahl bedurfte der Zustimmung des Magistrates, daher sprach man von „verordneten“ Schützenmeistern. Sie hatten die Aufgabe , die Gesellschaft nach aussen zu vertreten und bei Veranstaltungen für Ordnung und Sicherheit zu sorgen. Auch hatten Sie über Einnahmen und Ausgaben Buch zu führen. Jährlich mussten Sie den 3 Bürgermeistern und dem Stadtschreiber Rechnung „tun“. Gewöhnlich war mindestens der Oberschützenmeister Mitglied des Rates oder einer der 3 Bürgermeister. Aus den Protokollen der Abrechnung aus dem Jahre 1612 bis 1688 geht das deutlich hervor. Es wahren als Schützenmeister dieser zeit genannt: Joachim Ehrle, Jakob Wagner, Martin Specker , Wilhelm Goldbach, Geopg Bapst, Hans Sprenzel, Hans Hans Georg Goldbach, Phillip Lengst, Jakob Fidelis Aicham und Johannes Funk. Sie alle waren Mitglied oder gehörten zu Rats Familien. Hilfskräfte der schützenmeister waren: Der Schützen Schreiber, der das Schützenbuch und die Meisterlisten führen musste, und die Zieler welche die Treffer anzeigten. Auch sie wurden Jährlich von den Schützen gewählt. Nach der Schützen Ordnung von 1684 wurden dazu noch jährlich „ehe man anschießt“ zwei weiter taugliche Personen bestimmt, die den Schützenmeistern an die Hand gehen mussten. Eine eigenartige Erscheinung war der Pritschenmeister, eine Art Lustig Macher der Gesellschaft. Er bestrafte die schlechtesten Schüsse (Pritschenschüsse) und gewisse Verstöße gegen die Schützenordnung mit Pritschenschlägen (er organisierte auch Veranstaltungen, Umzüge usw.).

Der Schiesstatt

Der Wangener Schützengesellschaft stand in der „Schiesstatt“ neben dem nach Ihr benannten Weiher ein schönes zweckmäßiges Gebäude zur Verfügung. Es ist auch heute noch gut erhalten. (Erbaut im 16.Jahrhundert, in der Stadtansicht Andreas Rauch 1611Stadtansicht von Andreas Rauch aus dem Jahre 1611 bereits eingezeichnet. (Nr. 18 Schiesshütt) wie in der Abbindung links zu sehen. Bei der Straßen Verbreiterung wurde 1/3 des Gebäudes abgerissen. Im Schützensaal befanden sich über 100 Schützenscheiben die als Trophäen von der regen Tätigkeit der Gesellschaft in den letzten Jahrhunderten erzählen. Heute sind diese Scheiben größtenteils im Stadtmuseum , Rathaus und anderen öffentlichen Gebäuden aufgehängt. Eine Beschreibung der Scheiben findet man: Karl Walchner: Altwangener Erinnerungen Band I, Austellungsunterlagen : Heimat im Visier von Frau Sachs Gleichund im Austellungsverzeichniss der Austellung Wangener Schützenscheiben aus 3 Jahrhunderten in der Badstube 1998 in Wangen. Das Schiessen in der Schiesstatt war durch verschiedene Schützenordnungen streng geregelt. Im Bezug auf das allgemine Verhalten wurde den Schützen bei hoher Strafe eingeschärft, in den Schiesstuben nicht zu schimpfen, zu fluchen oder gar zu raufen. Auch das „Tabaktrinken“, war schon aus Sicherheitsgründen streng verbotenSchiesstatt “ Wer mit einer brennenden Tabakspfeife in den Stand kommt, der soll in die Schützenlad 4 Kreuzer Straf bezahlen“. Bei Ordinariatsschiessen unterschied man das schiessen auf die Tragscheibe und das Stechen. Bei beiden Arten musste das gleiche „Rohr“ benützt werden. es durfte nicht ausserhalb des standes gespannt werden, auch wurden nicht mehr als zwei bis drei Personen im Stand geduldet. Nach der schützenordnung des 18. Jahrhunderts war es erlaubt , alle Arten von Pritschen- und Kugelbüchsen mit Rad- oder Flintenschlössern zu benützen. Es durften aber keine Perspektivgläser, sondern nur „sog. Blättlein“ , Blenddeckel und einfache Gläser (Guggeln) verwendet werden.

Die Zieler die mit einem Glockenzeichen den schuss freigaben und ihn anzeigten , hatten noch verschiedene andere Aufgaben. Sie mussten zum Beispiel die Stände sauberhalten und die Stände ausbessern “ damit nirgends ein Loch oder Flecken gefunden werde“. Sie mussten auch die Scheiben nicht zu alt werden lassen, sondern Fleiss anwenden, „dass sie eine rechte Form, Ründe und Dicke bekamen „. Die Pritschenstrafe wurde allein oder in Verbindung mit anderen Strafen verhängt. Der Pritschenmeister trat z.B. in Tätigkeit wenn ein Schütze ohne Erlaubniss der Schützenmeister zu den scheiben ging oder ein Zuschauer, der keine Schütze war, über den zaun oder die Mauer einstieg. „Gepritscht“ wurde auch wenn ein Ziler ein Schuss auf der scheibe entging, der dann von anderen gefunden wurde. Die „Pritschenstrafe“ war eine gewöhnliche Ordnungsstrafe, ihr haftet schon nach ihrem Ursprung dem Bedürfnis nach Spaß- nichts Ehrendes an. Das geht deutlich aus dem §36 der Schützenordnung von 1780 hervor, der bestimmte: „Wenn einer gestraft oder gepritschet würdet und ihm ein Anderer(es) hernach vorwürfet oder (ihn) auspottet, der solle gleichmäßig gestraft oder gepritscht werden“.

 

 

Entwicklung des Schützenwesens in Wangen seit dem 15. Jahrhundert

 

  • Im 15. bis 16. Jahrhundert hielten die Wangener Armbrustschützen (wegen der Stahlspitzen der Pfeile auch Stahelschützen genannt) ihre Schießübungen im Stadtgraben vor dem Martinstor ab. Die 60 bis 70 Mann starke Gesellschaft führte zwischen Mai und September ca. 20 Schießveranstaltungen durch.
  • Es sind für die Jahre 1501 bis 1803 zahlreiche Freischießen belegt, an denen Gäste aus Lindau, Ravensburg oder Isny teilnahmen. Andererseits waren die Wangener wiederum an zahlreichen auswärtigen Freischießen beteiligt.
  • Ab etwa 1600 begannen wie anderenorts auch in Wangen die Musketen und Büchsen die traditionellen Armbrüste zu verdrängen.
  • Beim Weiher an der Leutkircher Straße wurde ein Schützenhaus „die Schießstatt“ erbaut. Geschossen wurde von den Schießständen vor dem Schützenhaus über den Weiher hinweg auf die am Fuße des „Buch“ aufgestellten Scheiben. Die Schußdistanz betrug etwa 100m.
  • 1780 Erstellung einer verbesserten Schützenordnung für die Schießstatt in der es u. a. heist:“Wenn einer gestraft oder gepritscht wird, und ihm ein anderer es hernach vorwirft oder ihn verspottet, der soll gleichermaßen gestraft oder gepritscht werden.“ Die Schützenordnung wurde in den Jahren 1816, 1839, 1908, 1933, 1934 und 1953 erneuert.
  • 1816 Wiedergründung nach den Napoleonischen Kriegen.
  • 1840 Ausstattung der Schießanlage mit einem „laufenden Hirsch“ (bewegliches Ziel)
  • 1876 Ausstattung der „Schießstatt“ mit einer automatischen Zugscheibeninrichtung.
  • 1908 Eintragung unter dem Namen „Schützengilde“ ins Vereinsregister.
  • 1921 Gründung der Zimmerstutzengesellschaft (07.12.1921 bis 31.01.1939)
  • 1939 Einstellung des Schießbetriebes
  • 1954 nach langjährigem Vereinsverbot durch die Besatzungsmächte Neugründung des Vereins und Neubenennung in „Schützengilde 1487 Wangen e.V.“

beachtliche sportliche Erfolge:

  • 1903 Bäcker und Schützenmeister Josef Sohler gewinnt beim Bundeschießen in Hannover die Meisterscheibe
  • 1906 Arnold Brunner gewinnt die Ehrengabe (Trinkhorn) des Prinzregenten Luipold in München
  • 1912 Franz Walchner gewinnt beim Bundesschießen in Frankfurt den von Prinz Heinrich von Preußen gestifteten Ehrenpreis (Bronzestatue in Gestalt eines großen Schützen)

 

Die jüngere Vereinsgeschichte

 

  • Nach der Wiedergründung wurde die Schießstatt nicht mehr als Schießlokal genutzt.
    bis 1961 Kegelbahn Gasthaus Löwen
    1961 – 1963 Saal des Gasthauses Kreuz
    1964 – 1983 Gasthaus Baumgarten
    seit 1983 in unserem neuen Schützenhaus in den Auwiesen das 1981 bis 1983 durch Vereinsmitglieder aus der alten Kläranlage entstand. Eine interesante Dokumentation hierzu finden Sie ebenfalls im Downloadbereich
  • 1962 44. Württembergisches Landesschießen in Wangen im Allgäu anläßßlich des 475 jährigen Vereinsubiläums
  • 1986 Vergleichsschießen Oberschwaben – Voralberg
  • 1987 54. Württembergisches Landesschießen in Wangen im Allgäu anläßßlich des 500 jährigen Vereinsubiläums
  • 1995 Wolfgang Welte langjähriger Schützenmeister der Schützengilde Wangen, Oberschützenmeister und Kreisoberschützenmeister erhält die Landesehrennadel des Landes Baden-Württemberg
  • 1998 Erste Ausstellung der Wangener Schützenscheiben aus drei Jahrhunderten in der Badstubengalerie
  • 1999 am 20. Juni wurde die neue Vereinsfahne geweiht. Die Fahne wurde nach einem Entwurf unseres verstorbenen Schützenbruders Werner Brust erstellt. Sie zeigt auf der Vorderseite die drei Wappen der ehemals freien Reichsstadt Wangen (Gemälde im Trauungszimmer im Wangener Rathaus)und dem Vereinswappen auf rotem und weißem Samt. Auf der Rückseite wie bereits weiter oben erwähnt den Hl. Schutzpatron Sebastian nach einem Gemälde des Wangener Malers Anton von Gegenbauer aus dem Jahre 1825.

Beachtliche sportliche Erfolge der jüngeren Vereinsgeschichte:

  • 1968 und 1969 Franz Rast deutscher Meister in der Versehrtenklasse
  • 1998 Sven Rössel Pistolenschütze Doppeleuropameister und mehrfacher Deutscher Meister